The Wandering Midget / Hands Of Orlac - Split

von Wilke F.

Bewertung: 9/10

The Wandering Midget / Hands Of Orlac - Split

Splitproduktionen sind eine Kunst für sich. In der Regel versuchen zwei Bands auf einem ähnlichen Bekanntheits-Level, sich eine Vinylscheibe zu teilen, um ihren Wirkungsgrad im Fan-Stamm der jeweils anderen zu erhöhen. Dabei sind es meist zwei Partien, die genretechnisch relativ gut zueinander passen, und ein Gleichgewicht in Songanzahl und -länge wird ebenfalls häufig angestrebt. Bei der vorliegenden Scheibe von THE WANDERING MIDGET und HANDS OF ORLAC wurde dem klassischen Aufbau nicht so ganz entsprochen. Warum das Teil trotzdem fett rockt, will ich Euch in diesem Review gern verraten.

Zunächst jedoch ein kurzer Überblick über die zwei partizipierenden Bands: HANDS OF ORLAC sind eine female-fronted Doom/Occult-Rockband, die seit 2009 aktiv ist. Die Gruppe, die je zur Hälfte aus schwedischen und italienischen Mitgliedern besteht, kann in ihrer Bandhistorie mit der obligatorischen Demo, einer Split und zwei Alben aufwarten. Im Umfang an Veröffentlichungen gibt es Gemeinsamkeiten mit THE WANDERING MIDGET. Die Finnen, die sich im Jahre 2005 zusammengefunden haben, weisen in ihrer Diskografie ebenfalls eine Demo, zwei Alben (Und was für welche!), sowie eine Compilation vor. Seit 2012 war es jedoch sehr still um die klassischen Doom-Metaller geworden, und die Fangemeinde musste ganze fünf Jahre auf ein neues Lebenszeichen warten. Doch so viel Geduld sollte sich auszahlen. Mit einer neuen Single ("Claws Of The Night") und der Split mit HANDS OF ORLAC melden sie sich endlich zurück.

Thematisch begegnen sich beide Bands auf derselben Ebene. Wer auf Horror, allerlei Mystisches, Schwarze Magie und Dämonen abfährt, ist inhaltlich bestens aufgehoben, sei es nun bei THE WANDERING MIDGET oder HANDS OF ORLAC. Vergleicht man die beiden Seiten dieses Tonträgers, fallen einem jedoch direkt strukturelle und musikalische Unterschiede auf.

HANDS OF ORLAC waren mir zuvor nicht bekannt. Einige Hörproben älterer Stücke mussten her, aber diese schreckten mich etwas ab, weil der Gesang gerne mal den einen oder anderen disharmonischen Ausreißer offenbarte. Doch ich kann Entwarnung geben: Dies ist auf der Split keineswegs der Fall. Der Gesang hat gehörig an Harmonie zugelegt. HANDS OF ORLAC produzieren okkulten Doomrock, klingen also im Vergleich zu ihren Splitpartnern ungleich leichtfüßiger und grooviger. Meine erste Assoziation aufgrund der häufiger zum Einsatz kommenden Querflöte war, dass ich es hier mit einer Art düsteren JETHRO TULL im Halloweengewand zu tun habe. Auf ihrer Hälfte des Tonträgers bieten die (Wahl-) Malmöer vier Tracks, wobei sich zwei längere Songs mit zwei atmosphärischen, instrumentalen Intros, bzw. Interludes abwechseln. "Curse Of The Human Skull" und "From Beyond The Stars" heißen die beiden vollwertigen Titel. Diese zeigen sich variabel und transportieren den Flair alter Horrorstreifen, ohne aufgesetzt oder zu kitschig zu wirken. Der gekonnt dezente Einsatz von Querflöte, Soundeffekten, wie einer geisterhaft verhallten Stimme im Background, sowie wie nach einer Orgel klingenden Synthies, erschafft eine tolle Stimmung. Der groovige Charakter der Songs erhält zusätzliche Würze durch kurze, knackige Ausbrüche der Leadgitarre, die sich hören lassen können.

Das Gefühl, dass man sich mit HANDS OF ORLAC auf einer kruden Ritualparty der Familie Munster befindet, stellt sich schnell ein. Das macht Laune, mir persönlich ist das aber gerade im direkten Vergleich zu THE WANDERING MIDGET eine Spur zu seicht. Diese bieten auf ihrer Seite mit dem unheilvoll klingenden Titel "Where We March The Vultures Follow" nämlich nur einen einzigen Track, der es aber so heftig in sich hat, dass man nach erstmaligem Hören angesichts der epischen Ausmaße und Schwere als kümmerlicher (aber glücklicher) Haufen geplättet in der Ecke liegt. Über 18 Minuten purer, tonnenschwerer Doom Metal, perfekt portioniert und angereichert mit kultig düsterem Sprachsample bei atmosphärisch knackendem Feuerholz, epischem Riffing, einer perfekten Spannungskurve, dramatischem Tempowechsel, schauerlich drückendem Orgelsound und einer Gesangsstimme zum Niederknien. Wie klares Wasser den Körper einen beinahe Verdursteten durchfährt, so fließt dieser Song direkt in die verdorrte Seele und belebt sie wieder. Eine Gänsehaut jagt die nächste, und man hört sich sagen: "Ja Mann, sie sind es, und sie sind zurück. Bow to the crushing power of doom!"

Fazit

Einziger Kritikpunkt meinerseits ist, dass die Split etwas ungleichmäßig gewichtet erscheint. Sie verfolgt aber dieselben finsteren Themen, und das eben auf eine kultig groovende oder episch walzende Art und Weise. Die finstere Jahreszeit lässt nicht mehr lange auf sich warten, und mit dieser Scheibe ist eine stimmige musikalische Untermalung mehr als gewährleistet. Das absolute Highlight ist definitiv der neue Track von THE WANDERING MIDGET. Allein deswegen lohnt es sich, zuzugreifen.

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