The Lidocaine - Chicken Cage Of HORROR

von Rüdiger Vinschen

Bewertung: 7/10

The Lidocaine - Chicken Cage Of HORROR

Die heutige Wundertüte kommt wieder aus Finnland. Ausländische Undergroundlabels wie Inverse sind immer ein Quell für hierzulande total unbekannte, aber teilweise grandiose oder einfach nur schräge Künstler, die vielleicht ein wenig mehr Beachtung verdient hätten. THE LIDOCAINE gehören eindeutig zur schrägen Sorte, soviel steht für mich fest. Und das liegt nicht ausschließlich an dem mutmaßlich aus der frühen Alternative-Epoche extrahierten Albumtitel "Chicken Cage Of HORROR", oder dem Artwork mit dem dramatisch blickenden Huhn. Ihr Erstwerk ist das nicht, nach Bandgründung 2007 kam 2009 das Debüt "Kiling Koling" heraus. Der Nachfolger "On The Road To MIERO" ließ bis 2013 auf sich warten und wurde ebenfalls schon über Inverse Records veröffentlicht. Die vorliegende Langrille trägt die laufende Nummer drei und ist bereits im März in Finnland erschienen. Der internationale Release ist für den Mai geplant. Für viele ist ja das dritte Album das entscheidende, der Abschluss der Debütanten-Trilogie, der Stil ist gefunden, die Erfahrung gesammelt.

Der Stil ist eindeutig der Aufhänger, der diese zehn Tracks zu etwas Besonderem macht. Bedeutet "besonders" in dem Zusammenhang etwas Gutes, oder etwas Schlechtes? Das werden wir noch sehen. Und wir dürfen es uns nicht zu leicht machen und wie bei Media Markt die ersten paar Songschnipsel an der Reinhör-Station abspulen, um dann zu entscheiden, ob wir das Ding kaufen wollen. Denn die Scheibe braucht deutlich, um zu zünden, und noch länger, bis man sie begriffen hat, weswegen ich zunächst Schwierigkeiten hatte, alles zu sortieren. Ein wenig schlecht abgemischt scheint das Ganze, die Vocals ein wenig zu arg im Vordergrund und nicht wirklich klar, die Instrumente klingen wie eine Aufnahme aus der Ära der DEAD KENNEDYS oder LIVING COLOUR. Das fällt jedenfalls zuerst auf. Absicht? Ich denke schon, dass da Kalkül hintersteckt, aber bei "Chicken Cage Of Horror" und "Empty Space Devil's Blog" ist der altschulige Sound leicht overdone. Dabei können die ausgeklügelten Kompositionen eigentlich überzeugen, THE LIDOCAINE scheinen Songwriting-Schnipsel zusammenzuschustern, die theoretisch nicht zueinander passen dürften, es aber irgendwie doch tun: folkig, bluesig, rockig, hart, weich, progressiv, simpel, manchmal alles zusammen. Heiliger Saint Fuckface, sogar episch kriegen sie ja hin. Oder findet Ihr nicht, dass der Titeltrack, oder auch der Rausschmeißer "Voyage of Discovery" die Handschrift eines Mark Shelton zu tragen scheinen? Es hat schon etwas Aberwitziges. Umso aberwitziger wird es, wenn das Gesamtpaket inklusive Gesang betrachtet wird. Ein ganz klein wenig fühle ich mich an Gerrit Mutz erinnert, wie er sich bei SACRED STEEL oder BATTLEROAR gebärdet, aber eben auch an Epic Metal-Legende Mark Shelton. Der fast operettenhafte Tenorsingsang, mit gar ungemütlichen Tonfolgen versehen, lässt mich verwundert Richtung Anlage blicken. Ist das jetzt künstlerischer Anspruch und ein Aufbrechen von Konventionen, wie etwa in der dissonanten Klassik, oder nimmt sich Anthony nicht wirklich ernst und persifliert sich einen Wolf? Man schwankt wirklich zwischen Grübeln und Lachen, und ich möchte fast meinen, auch das ist volle Absicht.

Das völlig ungewohnte, bunt bemalte Kunstbrett, das uns da vor den Schädel geknallt wird, findet dann mit "The End Of The Beginning Or The Beginning Of..." seine eigene Mitte. Entweder es liegt daran, dass man jetzt auf den Sound eingestellt ist, oder die Band ging von da ab ernsthafter zu Werke. Wie dem auch sei, die stimmlichen Kapriolen betten sich wesentlich besser in das Gesamtarrangement ein. Die Riffuntermalung ist nach wie vor ungewohnt, manchmal überraschend, aber trotzdem stimmig und vor allen Dingen manchmal beängstigend eingängig. Der Text, das sieht man bereits am Titel, schwankt irgendwo zwischen Nonsens und Philosophie, was den Eindruck verstärkt, dass die vier Finnen mit massig Spaß an die Sache herangehen. Hat irgendwie was von KNORKATOR, nur viel subtiler. Und dann? Ja, und dann kommt "Too Late To Escape". Wähnten wir uns gerade noch sicher, dass wir jetzt wüssten, was die Uhr gebimmelt hat, schmeißt Anthony eine sprichwörtliche Rockballaden-Perle vor die Hörersau. Da holen sie sich weibliche Unterstützung mit Namen Lucie Niemelä, die auf einen Gastbesuch reinsingt, und die Kerle halten mal einen Song lang die Fresse. Abgrundtief grüblerisch-pessimistisch gibt sich diese gefühlvolle, ruhige Nummer: Nur vor seiner Existenz ist der Mensch gefeit vor allem Leid; lebt er erst einmal, ist es zu spät, nicht verletzt zu werden, so die Botschaft. Allein darüber könnte ich seitenlang referieren, und diese Art Existenzpessimismus ist so viel tiefgehender als etwa der Oldie-Hit "In The Year 2525" von ZAGER AND EVANS, der nur Zukunftsängste und Technophobie transportierte.

Oje, dieser Artikel wird schon wieder einer von der "too long; didn't read"-Sorte. Schnell weiter im Text. Dass THE LIDOCAINE ihre Wurzeln eher im Rock haben als im Metal, ist an vielen Ecken zu spüren. Der Metal stieß erst später zum Stilrepertoire hinzu, ist aber mittlerweile fester Bestandteil des Bandsounds. Ab "Fabrication", der fünften Nummer, wird noch eine gute Schippe draufgelegt und das Eisen gehärtet. Growls hört man zuweilen sogar, die zwei männliche Gastsänger beigesteuert haben, die aber hierzulande weitestgehend unbekannt sein dürften. Die besten Songs finden sich auch in der zweiten Hälfte des Longplayers; das lange "Onion Of Chasity" ist beispielsweise einer meiner Favourites, der dank der brutalen Zäsur mitten im Song eigentlich wie zwei separate Stücke anmutet. Mysteriöserweise klingen die beiden Teile aber doch, als gehörten sie zusammen. "Chasity" muss ein Druckfehler im Original sein, denn eigentlich müsste es "Chastity" heißen. Bei der humoristischen Implikation der "Zwiebel der Keuschheit", die eines Monthy Python würdig wäre, muss ich schmunzeln. Vielleicht ist es aber auch eine Wortschöpfung, so wie "Retrobution", das ebenfalls zu den ganz starken Songs gehört. Die progressiven Elemente sind hierbei, wie auch im Rest des Albums, beinahe schon zu unterschwellig verpackt, auch wenn das geübte Ohr sie raushört. Keyboards, orchestrale Arrangements, Bombast und ein großes Ensemble an elektronischen Instrumenten braucht man eben für Prog nicht unbedingt, wenn man weiß, wie's geht. Schönes Ding.

Anspieltipps: "The End Of The Beginning Or The Beginning Of...", "Too Late To Escape", "Onion Of Chasity" und "Retrobution".

Fazit

"Chicken Cage Of HORROR" ist ungewohnt, sperrig und schräg. Genau so soll es aber auch sein. Dieses Album will erobert werden, erfordert vielleicht mehrere Durchläufe und auf jeden Fall zwei aufmerksame Ohren. THE LIDOCAINE sind Meister der Subtilität, auch wenn sie einem ihren Stil vordergründig mit dem Presslufthammer einzudreschen scheinen. Subtiler, zurückhaltender Progressive Metal mit starkem Hang zum Rock, ohne Bombast, ohne nutzlose Übertreibung. Abzüge gibt's für den hakeligen Einstieg, und seien wir mal ehrlich: um die Ecken und Kanten zu mögen, muss man sich schon drauf einlassen.

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