Pitbulls In The Nursery - Equanimity

von Rüdiger Vinschen

Bewertung: 9/10

Pitbulls In The Nursery - Equanimity

Unkundige sollten sich nicht von diesem Bandnamen foppen lassen. PITBULLS IN THE NURSERY scheint ein guter Name für eine Deathcore-Band zu sein, irgendwas mit viel Blut, Wut, Gedärme, Tod, Gewalt. Auf jeden Fall mit Core dabei. Doch wie sehr wäre das zu kurz gegriffen! Spätestens der erste Blick auf das Cover des neuen Langeisens, sowie dessen Titel "Equanimity" belehrt den oberflächlichen Gedankenspieler eines Besseren. Wobei, technisch-progressives Todesblei erwartet man auch nicht unbedingt, wenn man an Frankreich denkt. Trotzdem könnten PITBULLS IN THE NURSERY so manchem Belesenen in den technischen Todeskünsten ein Begriff sein. Seit 1997 dabei, konnte das 2006er Debüt "Lunatic" für einiges Aufsehen sorgen. Und das Aufsehen wäre sicher noch größer gewesen, hätte das Werden von "Lunatic" unter einem besseren Stern gestanden. Zur Pleite des damaligen Labels Black Lotus Records gesellte sich noch der Weggang von Sänger Julien "Panda" Foucault, was die Band in üblen Stromschnellen treiben ließ. Erst 2011 fand sich der aktuelle Tersim Backle, der auch das neue Album eingesungen hat. Neun Jahre sind seit "Lunatic" vergangen, doch das Quintett aus Rambouillet sendet mit "Equanimity" einen donnernden Herzschlag: sie sind noch da.

In welchem Genre wir zu Hause sind, das wird zu Beginn von "Crawling" von Drummer Jérôme unmissverständlich klargestellt. Gewissermaßen als Intro fungieren einige Sekunden Anspielen des Openers, die mit stark reduzierter Lautstärke wiedergegeben werden. Lässt sich der unbedarfte Hörer davon foppen und dreht den Regler auf, so fetzt es ihn vom Fleck weg von den Socken, wenn Doublebass und Intro-Riff von "Crawling" mit einem Schlag auf einhundert Prozent gehen. Es eröffnet sich zunächst ein recht vielseitiger Song, in dem sich Breakdown-artige, langsame Parts mit dem Techdeath-üblichen superschnellen Doublebass-Gekloppe und Blastbeats abwechseln. Zum Sound, der schon etwas Richtung Core schielt, tragen nicht nur die Breakdowns, sondern auch der Gesang von Fronter Tersim Backle bei, dessen kräftige, gutturale Stimme irgendwo zwischen Screaming und Shouting arbeitet. Auch beim Klargesang kann der Vokalist glänzen, das beweist er über die Platte hinweg immer wieder eindrücklich, wobei er manches Mal vom Bandchor unterstützt wird. Will man es positiv ausdrücken, so ist "Crawling" mit seinen vielen gemächlicheren Passagen ein querschnittliches Werk, das auch die Hörer nicht verschreckt die Flucht ergreifen lässt, die sich im technischen Bereich sonst nicht zu Hause fühlen. Hin und wieder entfernt an KORN oder SLIPKNOT erinnernd, ist der Opener damit ein idealer Einstieg. Die Kehrseite davon ist natürlich, dass Technik-Puristen die Nummer als weder Fisch noch Fleisch abkanzeln werden.

Wer hier aber bereits naserümpfend abschaltet, tut "Equanimity" Unrecht. Von "Rule The Plight" an wird die Tempo-Daumenschraube zumeist auf Anschlag gefahren. Jérôme wird einiges abverlangt, seine Füße hören zwar immer mal wieder für ruhige, stimmungsgeladene Interludes auf, den Doppelklöppel zu bearbeiten. Doch selbst dann flitzen die Sticks oft wieselflink über die Becken. Der Kerl kann seine Gliedmaßen einfach nicht stillhalten, was beinhart rüberkommt. Die Kollegen an den Saiteninstrumenten riffen sich mit messerscharfem Shredding ebenfalls einen ab. Die Gitarren sind, von den immer wieder sehr verspielten Einschüben abgesehen, rudimentär melodisch, geben sich meist eher monochrom, können aber durch mal mehr, mal weniger vertrackte Anschlagkombinationen begeistern. Ziemlich lange bei einem Riff bleibend, ganz nach TOOL-Manier, haben sie einen durch das Spielen zwischen den Taktschlägen im Nu schwindlig gespielt. So gerät man im Fluss des Albums in die Versuchung, sich tranceartig in die Musik zu versenken. "Equanimity" will nicht nebenher als Berieselung gespielt werden, sondern fordert die Aufmerksamkeit seiner Hörer. Dadurch, dass die Produktion angemessen differenziert und druckvoll ausgearbeitet ist, lässt man sich auf dieses Spielchen gern ein.

Was einen immer wieder aufmischt, sind die jähen Verschnaufpausen, wenn ohne Vorwarnung auf einmal der Druck vom Brustkorb genommen wird und die cleane Gitarre sich mit dem Bass in scheinbar widerstreitendem Duett umeinander dreht (wie in "The Oath"). Dann holen sich PITBULLS IN THE NURSERY auch mal stilfremde Dinge mit ins Todes-Speedboat, sei es ein das Soundwand-Maschinengewehrfeuer in aberwitziger Manier konterkarierendes Reggae-Ding ("Soulbones") oder ein paar orientalisch anmutende Flötenklänge ("Reality"), hier gibt's nahezu überall was zu entdecken. Natürlich nur, bis einem das Monster-Ensemble anschließend wieder das Fleisch aus dem Gesicht schält. Wenn man in der Lage ist, sich darauf einzulassen, macht "Equanimity" wirklich Spaß und lässt auch die grauen Zellen nicht zu kurz kommen. Wenn man vom reinen Technical Death-Standpunkt aus darauf schaut, müssen sich PITBULLS IN THE NURSERY natürlich mit altbekannten (OBSCURA) und neuen (ALKALOID) Größen messen lassen, und da bin ich geneigt, letzteren einen gewissen Vorsprung zuzusprechen. Was progressive, im besten Sinn ungewöhnliche, Kompositionen angeht, haben diese Franzosen hier aber die Nase vorn. Wenn auch Progressivität heute ein viel strapazierter Begriff ist, diese Mucke hat das Prädikat mehr als verdient, da die Innovationskraft buchstäblich aus jeder Pore rinnt.

Anspieltipps: "Crawling", "Reality", "Soulbones"

Fazit

"Equanimity" ist ein Biest. Wer in der Lage ist, sich auf diesen Moloch einzulassen, wird garantiert nicht enttäuscht. Selten wurde ich so von musikalischen Eindrücken bombardiert, die sich so gut zu einem wirklichen Klasse-Album zusammenfügen, dass sie einem glatt die Schuhe ausziehen. Die stellenweise Math-artigen Ergüsse begeben sich manchmal hart an die Grenze zur Verkopftheit, was aber durch die ergänzenden, straighten Full Speed Ahead-Attacken ausgeglichen wird. Nicht unbedingt Alltagsmucke, aber verdammt genial.

Zurück

Einen Kommentar schreiben