Lucid Dream - Otherworldly

von Rüdiger Vinschen

Bewertung: 6/10

Lucid Dream - Otherworldly

So sehr ich es auch mag, neue Bands zu entdecken, so befriedigend ist es doch zu sehen, dass mit zunehmender Reviewer-Erfahrung auch mehr und mehr Platten von Bands das Zine erreichen, die man bereits kennt und einzuschätzen vermag. Von den Italo-Rockern LUCID DREAM ist "Otherworldly" bereits die zweite Scheibe nach der 2014 erschienenen "The Eleventh Illusion", die auf dem Reaperzine-Tablett gelandet ist. Die Formation um Gitarrist Simone Terigi, dessen Geistes Kind LUCID DREAM vornehmlich darstellt, hat ihrer Diskografie damit die dritte Eigenproduktion hinzugefügt. Wiederum ohne Label im Rücken setzt man wieder ganz auf DIY-Leistungen. Dabei sind sowohl in der musikalischen, als auch in der Materialproduktion ganz ansehnliche Resultate erzielt worden. Die musikalische Erfahrung kommt beim Sound zum Tragen, während die CDs in einem hübschen Digipak ausgeliefert werden, dessen Booklet und Artwork zwar minimalistisch anmuten, aber keinen Totalausfall darstellen.

Auf jeder Platte nimmt man sich eines bestimmten Themas an, und waren bei "The Eleventh Illusion" noch der Kosmos und die Unendlichkeit das Maß, so widmet man sich bei "Otherworldly" thematisch der Einsteinschen Gravitationstheorie, was mit dem Intro (einem Mitschnitt von Einstein) und der im Booklet abgebildeten Einsteinschen Feldgleichung deutlich wird. Musikalisch hat sich dazu seit dem Vorgänger nicht wesentlich viel geändert. LUCID DREAM spielen immer noch Hard Rock-lastige Stücke mit mal mehr, mal weniger deutlichem Prog-Einschlag. Damit sind sie ein bisschen zwischen den Welten gefangen, und "Otherworldly" krankt in gewisser Weise an dem, was schon seinen großen Bruder von einer Top-Wertung abgebracht hat. Für Hard Rock sind die Stücke einfach in ihrer Gesamtheit zu wenig bemerkenswert, nicht eingängig genug. Man dümpelt eher so vor sich hin, kann auch im Refrain nur teilweise Akzente setzen (bei "Buried Treasure" z.B. gelingt das noch ganz gut). Stücke wie "Stonehunter" sind noch am fetzigsten, hauen aber auch nur ungefähr so sehr rein wie GOTTHARD zu ihren softeren Zeiten. Leicht irritiert stellt man auch fest, dass die Redeweise von Vokalist Alessio Calandriello etwas gewöhnungsbedürftig ist. Im gerade genannten "Stonehunter" singt er z.B. "Stonehanter". Immerhin wurde dieses Mal komplett auf Texte in Landessprache verzichtet.

Die Soli an der Gitarre sind prächtig gespielt, können aber zwischen den proggigeren Riffs keine Zeichen setzen und wirken so glanzlos. Wer sein Heil in den zugegebenermaßen anspruchsvollen Riffs und Bridges sucht, wird zwar mit recht anständigem Gitarrenspiel belohnt, für einen Wow-Effekt oder richtig guten Prog reicht es aber nicht. Zu oft kann Terigi die umständlich aufgebauten Stimmungen und Gedanken nicht zu einem logischen Abschluss bringen. Die meisten Songs hätten noch einmal zurück in die Schmiede gemusst, um das Stückwerk zu einem logischen Ganzen zu fügen, wobei gerade der Abschluss "The Theater Of Silence" eindrucksvoll zeigt, zu was dieser Geist in der Lage ist. Mit schönen Arrangements und sehr ansehnlichen Streicherpassagen (die nicht gesampelt, sondern von Andrea Cardinale, Sylvia Trabucco und Sara Calabria eingespielt wurden) ist das Stück eine wahre Freude, kommt aber im Album zu spät und ist in seiner Klasse zu isoliert, um aus einem recht durchschnittlichen Album ein wirklich gutes zu machen.

Anspieltipps: "The Theater Of Silence", "Buried Treasure"

Fazit

Nachdenklicher Hard Rock mit Prog-Zügen, der sich scheinbar an MASTERPLAN oder QUEENSRŸCHE orientieren möchte, mit diesen aber nicht mithalten kann. Songwriting, Spiel und Gesang sind auf gutem Niveau, können aber auf die Dauer nicht begeistern. So plätschert "Otherworldly" eher so vor sich hin, ein Eindruck, der sich auch nach mehreren Durchläufen nicht verflüchtigen will.

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