Frail Grounds - The Fields Of Trauma

von Rüdiger Vinschen

Bewertung: 8/10

Frail Grounds - The Fields Of Trauma

Aus Norwegen kommt in diesen Tagen ein pressfrischer Silberling, vollgepackt mit feinem Progressive Metal, auf den europäischen CD-Markt. FRAIL GROUNDS haben ihr Full Length-Debüt bereits 2012 in Eigenproduktion in Norwegen herausgebracht. Nun haben sie das Interesse der Leute vom britischen Indie-Label Hostile Media erregt, die die Newcomer aus Oslo auch international bekannt machen werden. Noch ein Progressive-Newcomer, noch ein Konzeptalbum - es bewegt sich im Moment eine ganze Menge in der progressiven Szene, und so darf man umso gespannter sein, ob die Truppe um Frontmann Morten Andre sich aus dem mittlerweile beachtlich großen und technisch versierten Mittelfeld der jungen Progressive Metal-Bands abheben können.

FRAIL GROUNDS haben dafür ein Rezept: bei den meisten progressiven Formationen findet man mehr oder weniger heavy Riffs und melodische Songs, diese Jungs hier holen sich als Alleinstellungsmerkmal noch einen ganzen Batzen Anleihen aus verschiedenen Extreme Metal-Spielarten dazu. Metaller, für die die Musik nicht nur heavy, sondern auch hart sein muss, werden hier definitiv auf ihre Kosten kommen. Dabei ist das Cover-Artwork eigentlich nicht sonderlich vielversprechend. Ok, ein Mann, oben ohne vor dem Hintergrund einiger Industriegebäude in einer Eislandschaft. Hm. Wozu die Kabel an seinem Körper? Ist das irgendwas mit Science Fiction? Irgendwie will sich der letzte Zusammenhang zur Musik nicht offenbaren. Als hätte irgendjemand sich überlegt: "Ok, man nehme maskuline Härte, das Grundthema und noch ein bisschen Sci-Fi, das kommt immer gut." Das Resultat ist irgendwie austauschbar, nichtssagend. So wird doch nicht etwa auch das Album sein?

Doch der Reihe nach. "The Fields Of Trauma" erzählt die Geschichte einer Expedition in die sibirische Eishölle. Anscheinend handelt es sich dabei nicht um eine Forschungsexpedition im klassischen Sinne, sondern die mutigen (oder verrückten?) Teilnehmer gehen dieses Abenteuer an, um an die eigenen Grenzen zu gelangen, ihren eigenen Überlebens- und Durchhaltewillen zu testen. Die Reise führt sie bis an die Grenzen der Belastbarkeit und darüber hinaus. In der lebensfeindlichen Einsamkeit der sibirischen Einöde erleben sie die Extreme von Kälte, Abschottung, Hoffnungslosigkeit, Verlorensein, und was noch auf einen einprasseln mag. Das Setting und die Arrangements, die das Abenteuer musikalisch einfangen, gefallen. Das kurze Intro lässt den kritischen Hörer sich zunächst mit verschränkten Armen zurücklehnen. Ok, da gibt's schwere, tragende Streicherklänge, dazu ein pfeifender Wind und Helikopter: die Expedition landet an ihrem Ausgangsort. Man mag sich richtig eine kältetote, verschneite Eiswüste vorstellen.

Das folgende Riff-Gewitter "The Expedition" zeigt einem dann sogleich, wo der Frosch die Locken hat. Wir ahnen es in den Tiefen unserer Eingeweide: "The Fields Of Trauma" ist keine filigrane Oper, die mit Sphärenklängen die Synapsen des Prog-Fans streichelt. Die Scheibe frisst Dich auf und spuckt Dich geschunden wieder aus. Sie vergewaltigt Deinen Verstand und lässt Dich verzückt gebrochen liegen. Was ist das, ein Prog-Album? Mit gegrowlten Vocals? Mit harten Galoppriffs, die allzu oft und gern in reines schwarzmetallisches Shredding übergehen? Mit Blastbeats und Doublebaselines, die dem kundigen Drummer vom Zuhören schon den Schweiß in die behaarten Achseln treiben? Yup, ist es.

Es lässt sich ganz schwer in Worte fassen, auf wie vielen Ebenen die neun Songs der Rundplastik den Hörer ansprechen. Das Songwriting ist großes Tennis, es lauert so viel Energie darin. Haben die harten Riffs und doppelstimmig gespielten Soli gerade das Hirn durchgerührt, lullen einen schon wieder sanfte Streicher und Synths ein, bis unvermittelt das nächste Trommelfeuer auf uns eindrischt. Das lässt jedem Instrument genügend Raum, um zu glänzen, von den abartig schnellen Drums, die sich auch mal mit voller Absicht vergaloppieren, um die Sinne von ihren ausgelatschten Pfaden zu prügeln, über den Bass, der ein eigenes Solo-Interlude zum Dahinschmelzen bekommt, bis hin zur gefühlvoll vorgetragenen Stimme des Osloers Andre. Dessen Klargesang, der immer mal wieder durch zumeist tiefe Growls gekontert wird, überzeugt und ist toll abgemischt. Nicht zu dominant, nicht zu schwach.

Einige Songs erinnern teilweise vom Sound an den Melodic Death Metal der früheren IN FLAMES, etwa zu Zeiten von "Clayman" oder "Colony". Allgemein kann man weite Teile des FRAIL GROUNDS Sounds im besten Sinne als Melodeath der ersten Generation bezeichnen. Allerdings nicht uneingeschränkt - Andres Mannen stoßen uns gerne mal drauf, wo sie herkommen: Norwegen ist halt klassischerweise "black". Teils mag man auch Einflüsse von etwa OPETH oder BRAINSTORM heraushören. Sei es, wie es sei: Das Resultat überzeugt. Hier bekommt man was für's Geld geboten.

Anspieltipps: "The Expedition", "The Sinister Road", oder sehr verstörend: "Emberstorm".

Fazit

FRAIL GROUNDS markieren mit ihrem aggressiven Debüt direkt ihr Revier und verleihen dem modernen Prog dankenswerterweise einen brutalen Touch und eine gehörige Portion technischen Tod. Mich hat die Scheibe direkt gefesselt. Sie wird nicht auf Dauerrotation laufen, dafür liegt das proggige Geshredde mir zu schwer im Magen. Aber sie wird auf jeden Fall weiter vorn im Regal stehen bleiben. Wer Bock auf eine gehörige Portion Geknüppel mit Niveau hat, sollte unbedingt zugreifen.

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