Arrested Mind - Frontal

von Rüdiger Vinschen

Bewertung: 8/10

Arrested Mind - Frontal

In dieser extrem riesig gewordenen Musikszene findet man doch immer noch Neues, und dazu gehören nicht selten auch solche Bands, die es schon länger gibt, als man denkt. ARRESTED MIND ist so ein Fall. Die Encyclopaedia Metallum ist manchmal sehr unzuverlässig, ähnlich wie Wikipedia, aber schenkt man ihr Glauben, dann gab es diese Truppe aus Bayern von '92 bis '99, bevor sie ihr Projekt für rund 15 Jahre einstampften. Seit 2015 sind sie erst wieder aktiv, und die vorliegende EP "Frontal" greift direkt so an, wie der Name es vermuten lässt. ARRESTED MIND machen deutschsprachigen Hardcore, der einen ganz gehörigen Anteil Bay Area Thrash in sich trägt. Ich gebe zu, auf dem Gebiet habe ich nicht wirklich viel Erfahrung, da gerade die deutsche Hardcore-Szene etwas ist, das sich bisher außerhalb meines Wahrnehmungsradius abgespielt hat.

Aber was die Truppe da zockt, das kann sich schon sehen lassen. Spielerisch ist wirklich ziemlich viel Thrash drin, auch wenn die Platte mit einem der Hardcore-lastigeren Songs beginnt, namentlich "Neue Braune Mitte". Aber ob so oder so, was da an den Gitarren abgeht, tritt richtig schön Arsch, von schulbuchmäßigen Gitarrenslides über eine gediegene Bassbridge ("Hau Ab") bis zu den obligatorischen Skanks zeigt man, was man alles drauf hat. Da gibt es nichts, was sich hinter Anderem zu verstecken braucht. Sehr richtungsweisend ist hier der Gesang, der aggressiv-rotzig rüberkommt und in Verbindung mit den deutschen Texten Erinnerungen Richtung Oi! und Punk weckt. Das steht sehr prägnant im Vordergrund, aber die Instrumente wirken dagegen trotzdem nie blass.

Der textlichen Message wird im Gesamteindruck der Songs viel Platz eingeräumt. Das ist, finde ich, ein großer Vorteil der Hardcoreszene, dass sie sich ihrer politischen Seite deutlich bewusst sind und sich das auch in ihrer Musik wiederfindet. Die Metalszene hingegen gibt sich immer viel Mühe, sich möglichst unpolitisch zu geben, was sie letzten Endes aber nicht ist. Eine Doppelmoral, die mich immer wieder innerlich aufstöhnen lässt. Ich gebe gern zu, dass ich dem markigen, springerstiefelkickenden Straightforward-Habitus nicht immer was abgewinnen kann, und viele Sachen, die so im Core-Bereich unterwegs sind, sind mir einfach zu platt. Aber wenn eine politische Message so eindeutig auf meiner Wellenlänge liegt wie bei ARRESTED MIND, dann freut mich das einfach.

Nehmt den oben erwähnten Intro-Song zum Beispiel. Der richtet sich an die versammelte AfD-Wählerschaft, Pegidioten und ähnliche Nullchecker, die zwar immer wieder vehement betonen, sie seien nicht rechts, aber am Stammtisch Sprüche quasseln, die selbst Die Hard-Faschos nicht krasser rausbekommen würden. Es gibt dazu eine ganz treffende Studie namens "Extremismus der Mitte". Neulich habe ich auch "Er ist wieder da" gesehen, und ein Spruch von dem Hitler-Darsteller ist mir im Gedächtnis geblieben, mit dem er Recht hat: Hitler hat sich damals nicht zum Diktator hochgeputscht (der Versuch scheiterte). Er ist gewählt worden. Klar, später hat er eine Schreckensherrschaft aufgebaut, aber die Leute haben ihm von Anfang an zugejubelt und haben begeistert daran mitgewirkt, die Juden von nebenan zu denunzieren. Die Mitte von Deutschlands Gesellschaft war tiefbraun, Antisemitismus war hip. Und wenn heute viele Leute einem Björn Höcke lieber zujubeln, anstatt ihn mit einem "Fick Dich!" aus der Stadt zu jagen, muss man konstatieren, dass in der heutigen Mitte auch noch viel Braunes liegt. Aber ich schweife ab. Ich bezeichne mich selbst gern als intellektuelle Zecke und mag auch gern anspruchsvolle Songs. Aber manchmal ist ein gebrülltes "Ihr geht mir auf den Geist!" doch sehr erfrischend.

"Gegen Die Wand" rechnet daraufhin gleich mal mit der modernen Leistungsgesellschaft und den perversen Seiten des Kapitalismus ab: "Immer weiter / Immer höher / Immer schneller / Gegen die Wand!" Die Erkenntnis, dass unkontrolliertes Wirtschaftswachstum um des Wachstums willen mehr mit einer Krebserkrankung denn mit einer Errungenschaft zu tun hat, ist so simpel wie einleuchtend. Das von einem instrumentalen Zwischenspiel ("Impuls") eingeläutete "Schublade" beschäftigt sich kurz mit Vorurteilen im Allgemeinen, bevor es zum bemerkenswertesten Song auf "Frontal" geht. "Bis Die Füsse Bluten" beschäftigt sich mit Schizophrenie, wobei sich mir direkt die Frage aufdrängt, ob der Song autobiographisch ist. Alleine wäre Sascha Niessner damit keineswegs, auch nicht als Musiker: so leidet Jill Janus von HUNTRESS z.B. an einer verwandten Erkrankung, einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Die textliche Herangehensweise ist sehr interessant. Einerseits begreifend, dass von der Schizophrenie eine Gefahr für einen selbst und die Menschen um einen herum ausgeht, andererseits bedauernd, dass man einen Teil seines Verstandes abschalten muss, um als normal durchzugehen. Die Metapher des stur marschierenden Soldaten, der den eigenen Geist als Feind auslöscht, ist so bildhaft und stark, das ist ganz großes Kino. Das fixe "Hau Ab" kann da nicht mehr wirklich glänzen, auch weil man von dem pfeilschnellen Text kaum was versteht, hehe.

Einen gelungenen Abschluss finden sie aber mit "Spreader Of Fear", dem einzigen englischen Song auf "Frontal". Der Text stammt von Ismael El Raki und ist als Antwort auf das Statement von EAGLES OF DEATH METAL-Sänger Jesse Hughes gedacht, der nach dem Terroranschlag im Pariser Bataclan mit dem Islam hart ins Gericht ging. El Raki kann mitreden, denn er war ebenfalls vor Ort und ist ein Überlebender der Terror-Nacht. Die Refrainzeile "You are a spreader of fear" fasst das Ganze treffend zusammen. Auch hier treffen ARRESTED MIND den richtigen Ton und verzichten auf eine Übersetzung, die dem Song nicht gut zu Gesicht gestanden hätte.

Fazit

"Frontal" versüßt mir schon seit längerem den Weg zur Arbeit, 20 Minuten reichen auch genau für einen Durchlauf. ARRESTED MIND finden eine gelungene Mischung aus Hardcore und Thrash Metal, die oft eine sehr sichtbare Schlagseite zum Metal hin hat. Genug Eigenständigkeit kann ich wohl attestieren, lediglich eine winzige Reminiszenz an Roger Miret zum Ende von "Gegen Die Wand" leisten sie sich. Das Songwriting kann man nur als vorbildhaft bezeichnen, und obwohl hier nicht viel Neues geboten wird, kriegt man den Dreh mit vordergründig simplen, aber für viel Interpretationen offene Textbotschaften. "Frontal" macht wirklich Spaß, und live sind diese Leute sicher eine Zerstörungsmaschine. Uneingeschränkt empfehlenswert, außer für besorgte Bürger!

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