Sólstafir

von Rüdiger Vinschen

Sólstafir

English Version

 

Rüdiger: Hallo Guðmundur, ich bin Rüdiger vom deutschen Fanzine Reaperzine.de. Es gibt ja eine Menge zu bereden, da Ihr Jungs vor kurzem Euer brandneues Album fertiggestellt habt, oder? Wie ist es Eurer Meinung nach geworden, in welche Richtung bewegt Ihr Euch?

Guðmundur: Ich denke, man kann sagen, dass das neue Album ein bisschen softer als unser letztes Werk geworden ist, aber ich betrachte es als härter im emotionalen Bereich.

Rüdiger: Habt Ihr auf „Ótta“ etwas Neues ausprobiert? Wie ist Euer Bild des Ganzen im Vergleich zu Euren anderen Platten, besonders „Svartir Sandar“?

Guðmundur: Das Songwriting lief im Prinzip genauso ab, das heißt, wir haben uns für drei Monate jeden Tag im Proberaum eingeschlossen, bevor wir ins Studio gegangen sind. Der größte Unterschied ist, dass wir diesmal einige neue Instrumente eingearbeitet haben, vor allem das Klavier dürfte dabei auffallen. Wenn Du Songs für ein Klavier schreibst, dann schreibst Du anders als für eine Gitarre. Das Resultat ist immer noch SÓLSTAFIR, aber mit einem frischen, neuen Anstrich. Im Studio haben wir außerdem die Hilfe vom sehr talentierten Streicherquartett AMIINA in Anspruch genommen. Streichinstrumente mit einzubauen ist etwas, das wir schon sehr lange machen wollten, aber auf „Svartir Sandar“ gab es dafür einfach keinen Platz. Viele Songs auf „Ótta“ haben wir mit dem Gedanken an Streicher geschrieben, und wir haben ganz bewusst Platz im Arrangement gelassen, der von ihnen ausgefüllt werden sollte.

Rüdiger: „Ótta“ bezeichnet eine bestimmte Spanne von einigen Stunden in der altertümlichen isländischen Zeitrechnung, wenn ich mich nicht irre. Warum habt Ihr diesen Begriff gewählt, in was für Abgründe entführt Ihr die Hörer? Kann man das Album als Eure Vorstellung bezeichnen, wie die Welt sich dreht?

Guðmundur: Als Sæþór diese Zeitrechnung erwähnt hat, haben wir sofort gedacht, dass das ein passendes Thema für ein Album wäre. Ich schätze mal, es ist mehr unsere Vorstellung davon, wie die Welt sich gedreht hat, bevor die Leute Uhren benutzt haben und so besessen von der Zeit wurden, wie sie es heute sind. Die alte Zeiteinteilung ist kein exaktes System. Heutzutage aber kommt man - ohne, dass es die Notwendigkeit dazu gäbe - gar nicht mehr aus, ohne die Zeit in aberwitzig kurze Bruchteile zu zerlegen, ansonsten würde unsere Gesellschaft gar nicht so funktionieren, wie sie das tut. Du musst Dir aber vor Augen führen, dass wir es eigentlich nicht nötig haben, die Zeit ständig ganz genau nehmen zu müssen. Es gibt sogar Leute, die ihre freien Tage und ihren Urlaub bis auf die letzte Minute durchplanen. Ich denke, „Ótta“ ist unsere Art zu sagen „entspannt Euch, Zeit ist relativ“.

SólstafirRüdiger: Ich weiß, dass es eine ganze Menge Leute gibt, die Eure Arbeit absolut vergöttern. Wo, würdest Du sagen, ist Eure größte Fangemeinde?

Guðmundur: Wenn es um die zahlenmäßige Größe geht, ist das ganz klar Deutschland. Aber Finnland muss man genauso erwähnen, weil der Anteil der Fans an der Gesamtbevölkerung sehr hoch ist.

Rüdiger: Sowohl künstlerisch, als auch finanziell gesehen: wie viel Platz gibt es eigentlich auf Island für eine Metal- oder Post Metal-Band wie Sólstafir? Gibt es eine große Fangemeinde, die zu Hause auf Euch wartet?

Guðmundur: Das kann man nicht wirklich so sagen, aber die Fangemeinde wächst zumindest stetig. Finanziell gesehen haben unsere Freunde von SKÁLMÖLD bereits bewiesen, dass Du auch als Metal-Band Geld verdienen kannst, sie sind schließlich im Moment die größte Band Islands.

Rüdiger: Wo wir gerade beim Geld sind: ist es nicht ziemlich teuer für Euch, zum Touren auf den europäischen Kontinent zu kommen, besonders wenn man die Flugpreise anschaut? Ist es für Euch schwieriger, überall hinzukommen, im Vergleich zu einer Band vom Festland? Machen sich die Gigs da überhaupt noch bezahlt?

Guðmundur: Das stimmt, es ist schon alles ziemlich teuer für uns. Bei uns geht ein viel größerer Anteil unserer Gage in die Reisekosten als bei einer Band gleicher Größe vom Kontinent. Vielleicht wären wir besser dran, wenn wir auf dem europäischen Festland leben würden, aber ich bezweifle, dass wir dann dieselbe Musik machen würden.

Rüdiger: Wie kommst du auf internationalen Touren ohne Dein eigenes Drumset zurecht?

Guðmundur: Ich verrate Dir ein Geheimnis: Die meisten Drumsets hören sich in einer Live-Umgebung total gleich an, solange die Felle neu sind. Klar sind einige besser als andere, aber wer in aller Welt hört denn da den Unterschied? Von spielerischer Seite ist das ganz einfach. Solange Du die Drums so anordnen kannst, wie Du das gewohnt bist, spielt es keine Rolle, auf welchem Set du spielst. Zum Glück habe ich ein ziemlich grundlegendes, einfaches Rock’n’Roll-Set, also ist es für mich einfach, alles in eine komfortable Position zu bringen. Ich bringe nur noch meine eigene Snare und meine TRX-Becken mit.

SólstafirRüdiger: Da wir als Magazin in Norddeutschland zu Hause sind: gibt es einen bestimmten Grund, dass Ihr den Teil Deutschlands bei der kommenden Tour auslasst? Gibt es einen Grund, warum Ihr Euer Album zum Beispiel nicht in Hamburg vorführt?

Guðmundur: Ich glaube nicht, dass es da einen speziellen Grund gab, außer dass es vielleicht nicht in die Routenplanung gepasst hat. Vielleicht haben wir von den örtlichen Veranstaltern auch keine anständigen Angebote bekommen? Das ist aber etwas, das unser Tourmanager entscheidet, und ich weiß darüber einfach zu wenig, um Dir eine bessere Antwort geben zu können.

Rüdiger: Wenn es um Festival-Auftritte geht, stelle ich oft fest, dass die großen Bühnen eher mit Mainstream-Emporkömmlingen befüllt werden, während die eigentlich klassischen, in der Szene etablierten Acts wie Ihr als Neben-Acts behandelt werden oder auf die kleinen Bühnen ausweichen müssen. Wie geht Ihr damit um? Fühlt Ihr Euch zurückgesetzt, sollten die Festivals etwas an dieser Praxis ändern?

Guðmundur: Ich glaube, dass die Festivals einfach Bands buchen, von denen sie glauben, dass durch sie mehr Tickets verkauft werden. So funktioniert dieses Geschäft nun einmal. Die „Brotherhood Of Metal“ hat auf dieser geschäftlichen Ebene einfach keine Bedeutung.

Rüdiger: Welche Art von Festivals oder Auftritten und welche Atmosphäre hast Du persönlich am liebsten?

Guðmundur: Also, dieses Jahr haben wir auf einigen richtig tollen Festivals gespielt, aber ich werde Dir einfach drei ganz verschiedene nennen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen fantastisch waren. Zum einen ist da das SommerSonnenWende Open Air: davon werden nur 250 Tickets verkauft. Es findet in den österreichischen Alpen statt, inmitten von Bäumen, Nebel, Kühen, die mit ihren Kuhglocken durch den Nebel latschen. Das war obergeil. Dann am nächsten Tag sind wir zum Hellfest gefahren und haben vor einem randvollen Zelt gespielt, das waren bestimmt 10.000 oder 15.000 Leute, da bin ich nicht sicher. Aber es war toll, nur eben von der Größe am ganz anderen Ende der Skala, im Vergleich zum SommerSonnenWende. Und das Eistnaflug in Island ist genauso großartig, und auch wieder ganz anders. Es findet in einer Stadt mit 1500 Einwohnern statt, die an einem abgelegenen Fjord an der Ostküste Islands liegt, von Bergen und vom Meer umschlossen, und die Mitternachtssonne geht niemals unter. Das alles waren einzigartige Erfahrungen, aber aus ganz verschiedenen Gründen. Ich glaube, Du musst einfach den Moment genießen, ganz egal, wo Du gerade bist.

Rüdiger: Wo wir gerade von Atmosphäre sprechen: ist es Island selbst, von dem Ihr Eure Inspiration bezieht? Ist es das Leben, der Kosmos? Oder werdet Ihr auch von Eindrücken auf Euren Touren beeinflusst?

Guðmundur: Ich denke, auf jeden Fall kannst Du schon mal sagen, dass die ersten drei Dinge, die Du genannt hast, uns zu großen Teilen inspirieren. Island, und Isländer zu sein, ist mit unserer Identität als Individuen und als Band untrennbar verbunden. Obwohl wir nicht raus in die Natur gehen und unsere Songs da draußen schreiben, wie es einige Black Metal-Bands in den 90ern zu tun vorgegeben haben, umgibt uns die Natur dennoch überall in Island. Das wird uns immer mehr klar, je älter wir werden, und auch je mehr wir reisen. Persönliche und zwischenmenschliche Erfahrungen beeinflussen natürlich auch, wie wir uns selbst sehen, und das schlägt sich dann auch sehr in unserer Musik nieder.

Sólstafir

Rüdiger: Zuletzt habe ich eine persönliche Frage. Was sind denn so Eure Essgewohnheiten? Habt Ihr bestimmte Vorlieben, Fast Food oder traditionelle isländische Küche vielleicht? Oder ist einer von Euch vielleicht sogar aus Vegetarier, ist Ernährung eine Überzeugungssache? Wie steht Ihr dazu?

Guðmundur: Zumindest drei von uns gehen sehr bewusst mit ihrer Gesundheit um (in letzter Zeit zumindest), aber besondere Ansprüche haben wir wirklich nicht. Unglücklicherweise ist es manchmal schwer, sich gesund zu ernähren, wenn Du auf Tour bist, und da ist es ziemlich verlockend, einfach schnell unterwegs einen Hamburger einzuschmeißen.

Rüdiger: Zum Schluss von mir ein dickes Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten. Die letzten Worte sollen Dir gehören, hast Du irgendwas, das die Fans in Deutschland hören sollen?

Guðmundur: Danke für Eure Unterstützung in all den Jahren. Deine Beschwerde, dass wir nicht in Norddeutschland auftreten, haben wir natürlich zu Kenntnis genommen. Lass uns einfach hoffen, dass unsere nächste Tour uns näher zu Euch bringt!

 

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English Version:

Rüdiger: Hello Guðmundur, I’m Rüdiger of German fanzine Reaperzine.de. I think there’s a lot to talk about, since you guys just finished your brand new studio record, right? How’d it come out to be for you? Which direction are you stepping into?

Guðmundur: I guess you can say the new album is a bit softer than our previous work, but I’d like to consider it as emotionally heavier.

Rüdiger: Did you try out something new on Ótta? How’s your impression of the whole thing in comparison to other records, especially “Svartir Sandar”?

Guðmundur: We wrote it in quite the same way, that is we locked our selves in the rehearsal room for every day for three months before entering the studio. But the main difference is that we also used new instruments to write on, most noticeably a piano. When you write on a piano you write differently than on a guitar, so the outcome is still SÓLSTAFIR, but with a fresh new vibe to it. Then in the studio we employed the help of the very talented AMIINA string quartet. Using strings was something we had wanted to do for a long time, but there wasn’t really any room for them on “Svartir Sandar”. A lot of the songs on “Ótta” we wrote with strings in mind and we very consciously left some space in the arrangement to be filled by the strings.

Rüdiger: “Òtta” means a span of some hours in some ancient Icelandic time table, if I’m not mistaken. Why’d you refer to that? What abysses are you abducting the listeners into? Is the album your picture of how the world goes round?

Guðmundur: When Sæþór mentioned this time system to us we immediately thought it might be something that would work well for an album theme. I guess this is more our picture of how the world, or at least Iceland, used to go around before people started using clocks and being so obsessed by time. This is not an exact measuring system. Modern day has out of necessity become obsessed with the tiniest bits of time, without it our society wouldn’t work like it does. But consider this, we don’t have to be so obsessed about the time being exact all the time. Some people even plan their days off and vacations down to a minute. I guess Ótta is our way to say, relax, time is relative.

Rüdiger: I can tell that I know a tremendous number of people here who absolutely love your work. Where’d you say is your biggest fan base by numbers?

Guðmundur: Definitely in Germany if you go by numbers, but Finland has to get an honorable mention if you go by percentage.

Rüdiger: Spoken both economically and artistically, how much space is there on Iceland for a metal or post-metal band like Sólstafir? Like, is there a big fan base waiting for you at home?

Guðmundur: I can’t say there is, but it’s growing all the time though. But economically our friends Skálmöld have proven that you can make money by being in a metal band, as they are the biggest band in Iceland at the moment.

Rüdiger: Speaking of economics, isn’t it pretty expensive for you to get to Europe, especially taking into account the flight prices? Is it more difficult for you to get everywhere than for a continental band, do the gigs still pay off?

Guðmundur: Yes it is really expensive for us. A much bigger portion of our fee goes into travelling than for a continental band of the same size. I guess we would be living a better life in continental Europe, but I doubt we’d be writing the same music.

Rüdiger: How’re you getting along on international tours without your own drumset?

Guðmundur: I’ll tell you a secret. Most drums sound the same in a live environment, as long as the drumheads are new. Of course some are better than others, but who really hears the difference? Playing wise it’s really easy. As long as you can set the drums up in the way you’re used to it doesn’t matter what set you are playing. Fortunately I have a really basic and easy rock’n´roll setup so it’s easy for me to get everything in a comfortable position. Then I bring my own snare and my own TRX cymbals.

Rüdiger: Since we’re located in Northern Germany, is there a reason you spared that part of the country for the upcoming tour? Is there a reason you don’t present your new record in Hamburg, for example, and if so, would you please tell me?

Guðmundur: I don’t think there’s any special reason except maybe routing and I don’t know, maybe we didn’t get any good offers from local promoters? But that’s something that our booker decides and takes care of and I just know too little about it to give you a better answer.

Rüdiger: Coming to festival appearances, I notice that at bigger festivals there seem to be more mainstream upcomers on the big stages, while more elaborated, classic acts just like you seem to be handled like co-acts, or get slots on co-stages. How do you cope with that? Do you feel pushed back, shouldn’t the metal festivals drop this mainstream-ish behavior?

Guðmundur: I guess the festivals just book the bands that they believe will sell tickets. That’s just the way this business works. The brotherhood of metal doesn’t really penetrate down to the business level.

Rüdiger: What kind of festivals or gigs and what atmosphere do you prefer, personally?

Guðmundur: Well this year we did some amazing festivals, but I’ll name you three very different ones that were amazing for totally different reasons. For instance SommerSonnenWende; they sell only 250 tickets. It’s held up in the Austrian Alps, trees, fog, cows with their cowbells walking in the fog. It was amazing. Then the day after we went over to Hellfest and played for a packed tent, 10 or 15.000 people, I’m not sure, but it was amazing too, but totally on the other side of the scale from Sommer Sonnwende. And Eistnaflug in Iceland is equally as amazing, and equally as different. It’s in a town of 1500 inhabitants, located in an isolated fjord on the east cost of Iceland, surrounded by mountains and sea, and the midnight sun never sets. All of these were amazing experiences but for totally different reasons. I guess the thing is just to enjoy the moment wherever you are.

Rüdiger: Speaking of atmosphere, is it Iceland itself that inspires you? Is it life, the cosmos? Or did you also get inspired by impressions on your tours?

Guðmundur: I think it’s safe to say that the first three things you mentioned inspire us a lot. Iceland and being Icelandic is an unbreakable part of our identity as persons and as a band. Even though we don’t go out in nature and write our songs there like some black metal bands pretended to do in the 90’s the nature surrounds us everywhere in Iceland, and we feel it more and more as we grow older, and also the more we travel. Personal experiences and relations to other persons also influence the way we feel, which in turn influences our music a lot.

Rüdiger: Last but not least, something personal. What’re you guys eating? Do you have certain preferences, fast food, traditional Icelandic meals perhaps? Or is there a vegetarian in your band, is nutrition a thing of conviction? How do you think about that?

Guðmundur: At least three of us are very conscious about our health (at least recently), but we don’t really have any special needs. Unfortunately it’s sometimes hard to eat healthy when you’re on the road and it can be tempting to grab a hamburger along the way.

Rüdiger: Finally, it’s needless to say that I’m very grateful for your patience and time. I am, really. Last words in this interview should be yours, so do you have something you want the German fans to hear?

Guðmundur: Thank you for all the support through the years. Your complaint about our absence in Northern Germany is duly noted! Let’s hope next tour will bring us closer to you!

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